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Block 00 — Leit-Schaltung und Kursüberblick

0.1 Die Leit-Schaltung

In diesem Semester wird die unten dargestellte Schaltung als durchgehendes Beispiel verwendet. Sie steuert einen Gleichstrommotor über eine MOSFET-Vollbrücke, erfasst den Motorstrom über einen Shunt und kann bei Überstrom selbstständig abschalten.

Auf den ersten Blick wirkt die Schaltung relativ komplex. Tatsächlich bestehen die meisten ihrer Teilfunktionen jedoch aus Bauelementen und Konzepten, die bereits in vorherigen Veranstaltungen behandelt wurden.

  1. Die grundlegenden Schaltungen mit Widerständen und Leitern wurden bereits in EEE1 eingeführt. Insbesondere Ohmsches Gesetz, spezifischer Widerstand und die lineare Temperaturabhängigkeit werden in diesem Kurs vorausgesetzt. (hier im wiki in englisch unter EEE1: Resistance and Conductance).
  2. Operationsverstärker, Rückkopplung und einfache Verstärkerschaltungen wurden ebenfalls bereits behandelt. Komparator und Schmitt-Trigger werden später in diesem Kurs in einer konkreten Schutzschaltung detaillierter dargestellt (siehe EEE1: Comparator and Schmitt Trigger).
  3. Halbleiterbauelemente wie Diode, Bipolartransistor und MOSFET wurden in EEE2 eingeführt. In diesem Kurs wird daher nicht erneut hergeleitet, wie ein MOSFET physikalisch funktioniert. Stattdessen interessiert uns, wie sich ein realer MOSFET in einer konkreten Leistungsschaltung verhält und wie er angesteuert werden muss (Einführung ind die Halblsiterelemente in EEE2: Electrical Engineering and Electronics 2, Block 11 -14).
  4. Auch die digitale Logik auf der linken Seite der Schaltung ist im Grundstudium angestriffen worden. Boolesche Algebra und Wahrheitstabellen wurden bereits in der Digitaltechnik bzw. Informatik behandelt (hier im wiki unter Boolean Algebra and Logic Gates)

Damit stellt sich zunächst eine berechtigte Frage:

Wenn die einzelnen Bauteile und Grundprinzipien bereits bekannt sind – warum beschäftigen wir uns in Elektronischer Schaltungstechnik noch einmal damit?

Die bisherigen Veranstaltungen haben hauptsächlich die Modelle und Grundfunktionen einzelner Bauelemente vermittelt. In einer realen Schaltung müssen diese Bauteile jedoch gemeinsam funktionieren.

Der Schwerpunkt dieses Kurses liegt daher nicht mehr auf der Frage

„Wie funktioniert dieses Bauteil grundsätzlich?“

sondern auf den Fragen

0.2 Funktionale Aufteilung der Leit-Schaltung

Die vollständige Schaltung kann in mehrere funktionale Bereiche zerlegt werden:

Diese Blöcke werden im Laufe des Semesters schrittweise geöffnet und analysiert.

Nicht jede Teilfunktion kann bereits am Anfang vollständig verstanden werden. So wird beispielsweise der Bootstrap-Kondensator erst sinnvoll, nachdem die High-Side-Ansteuerung eines N-Kanal-MOSFETs untersucht wurde. Ebenso lässt sich die LC-Struktur der Hilfsversorgung erst später vollständig einordnen.

Die Schaltung wird daher schrittweise im Semester wie ein „Adventskalender“ behandelt: In jedem Block wird ein weiterer Teil geöffnet und mit bereits bekannten Konzepten verknüpft.

0.3 Vereinfachtes Modell

Für den Einstieg wird die reale Schaltung stark vereinfacht.

Die Vollbrücke wird zunächst durch ideale Schalter aufgebaut und Steuersignale werden durch einen abstrakten Logikblock erzeugt.

Damit bleiben drei wesentliche Funktionen sichtbar:

Diese vereinfachte Darstellung ist kein alternatives Schaltungsdesign, sondern ein Modell der vollständigen Schaltung.

Im Verlauf des Semesters werden die idealisierten Blöcke schrittweise durch reale Schaltungen ersetzt:

Auch in der vereinfachten Schaltung werden Bezeichnungen verwendet, die in vielen elektronischen Schaltungen wiederkehren:

Abkürzung Begriff Erklärung
CLK Clock Signal des Taktgebers. Im Beispiel wird damit die PWM mit einer Frequenz von $30~\mathrm{kHz}$ erzeugt.
EN Enable Freigabesignal der Schaltung. Nur bei aktivem EN darf der Motortreiber den Motor ansteuern.
HS High Side Bezeichnet einen Schalter auf der Seite der positiven Versorgungsspannung einer Halbbrücke. HS1 und HS2 sind die beiden High-Side-Schalter der Vollbrücke.
LS Low Side Bezeichnet einen Schalter auf der Seite des Bezugspotentials bzw. der Masse. LS1 und LS2 sind die beiden Low-Side-Schalter der Vollbrücke.
VM Motor Voltage / Motor Supply Voltage Versorgungsspannung des Leistungsteils bzw. der Vollbrücke. Im Beispiel beträgt sie $20~\mathrm{V}$.
RSENSE Sense Resistor / Shunt Niederohmiger Messwiderstand zur Erfassung des Motorstroms.
OCP Over-Current Protection Überstromschutz. Das Signal zeigt an, dass der festgelegte maximale Motorstrom überschritten wurde und dient zur Abschaltung der Leistungsstufe.
ROM Read Only Memory Nichtflüchtiger Festwertspeicher. Im vereinfachten Modell bildet er die Eingangssignale auf die Schaltzustände der Vollbrücke ab.

0.4 Lernpfad durch das Semester

Die Leit-Schaltung wird nicht in einem Schritt vollständig analysiert. Stattdessen werden ihre Teilfunktionen in einer Reihenfolge betrachtet, bei der jeweils möglichst viele notwendige Grundlagen bereits bekannt sind.

Die Leitidee ist:

Bekanntes Modell → reale Abweichung → Datenblatt → konkrete Schaltungsfunktion

Einige Beispiele:

Damit wächst die vollständige Leit-Schaltung im Laufe des Semesters aus bereits verstandenen Teilfunktionen zusammen.

0.5 Ausblick auf das Semester

Die Leit-Schaltung wird im Verlauf des Semesters schrittweise erschlossen. Dabei gliedert sich der Kurs in drei größere Themenbereiche.

0.5.1 Reale passive Bauteile und frequenzabhängiges Verhalten

Im ersten Teil geht es um den Übergang vom idealen Bauteilmodell zum realen Bauteil. Gleichzeitig werden die Werkzeuge eingeführt, mit denen frequenzabhängiges Verhalten später beschrieben werden kann.

Block Thema Leitfrage / zentraler Gedanke Bezug zur Leit-Schaltung
01 Vom Schaltplansymbol zum realen Bauteil Was unterscheidet Symbol, Modell und physisches Bauteil? Shunt, Widerstände, Bauformen wie 0402/0603/1206/THT, Verlustleistung, Toleranz, Temperaturabhängigkeit und Kelvin-Anschluss; kurzer Blick auf reale Schalter und Logik
02 Frequenzgang, dB und Bode Wie beschreiben wir frequenzabhängiges Verhalten kompakt? Übertragungsverhalten, Amplitude und Phase, dB-Darstellung und Bode-Diagramm als Werkzeug für die folgenden Blöcke
03 Der reale Kondensator Warum verhält sich ein echter Kondensator nicht wie $\frac{1}{j\omega C}$? Kondensatoren der Leit-Schaltung, ESR, ESL, Selbstresonanz, DC-Bias, Elektrolytkondensatoren und Entkopplung
04 Passive Filter und Filterentwurf Wie lässt sich ein gewünschtes Frequenzverhalten gezielt einstellen? RC-Tiefpass, Filterung des Strommesssignals, Grenzfrequenz, Belastung und praktische Dimensionierung

Am Ende dieses Abschnitts sollen reale passive Bauteile nicht mehr nur über ihren Nennwert beschrieben werden. Stattdessen werden Bauform, thermisches Verhalten und Frequenzabhängigkeit gemeinsam betrachtet.

0.5.2 Analoge Signalverarbeitung und Schutz

Im zweiten Teil wird aus kleinen analogen Messsignalen eine auswertbare und robuste Schutzinformation. Dabei werden bekannte OPV-Grundlagen aus den vorherigen Veranstaltungen aufgegriffen und in konkreten Schaltungen eingesetzt.

Block Thema Leitfrage / zentraler Gedanke Bezug zur Leit-Schaltung
05 Operationsverstärker und aktive Filter Wie werden aus passiven Netzwerken aktive Signalverarbeitungsschaltungen? Reaktivierung bekannter OPV-Grundschaltungen, reale OPV-Grenzen und aktive Filter; bewusst auch Beispiele außerhalb der Leit-Schaltung
06 Komparator und Schmitt-Trigger Wann wollen wir nicht verstärken, sondern entscheiden? Umwandlung eines analogen Signals in ein digitales Ereignis; Schaltschwelle und Hysterese
07 Referenzspannung und Überstromschutz Wie wird aus einem Messwert eine robuste Schutzfunktion? Verstärktes Shuntsignal, $V_{\rm REF}$, OCP und Rückwirkung auf die Freigabe der Leistungsstufe

Nach diesem Abschnitt ist der Mess- und Schutzpfad der Leit-Schaltung weitgehend erschlossen: Der Motorstrom wird erfasst, aufbereitet, mit einer Referenz verglichen und kann eine Abschaltung auslösen.

0.5.3 Leistungselektronik und Gesamtsystem

Im dritten Teil wird der zunächst ideale Leistungsschalter schrittweise durch eine reale MOSFET-Leistungsstufe ersetzt. Aus einem einzelnen Schalter entsteht zunächst eine Halbbrücke und schließlich die vollständige H-Brücke.

Block Thema Leitfrage / zentraler Gedanke Bezug zur Leit-Schaltung
08 MOSFET als realer Schalter Warum ist „Gate high = an“ nicht die ganze Wahrheit? Low-Side-MOSFET, $R_{\rm DS(on)}$, Gate-Ladung, Gate-Widerstand sowie Leit- und Schaltverluste
09 Halbbrücke und induktive Last Was passiert mit dem Strom, wenn der Schalter öffnet? Halbbrücke, Motorinduktivität, Strompfade, Freilauf und Body-Diode
10 High-Side-Ansteuerung Wie schaltet man einen N-Kanal-MOSFET oberhalb von $V_M$? Floating Supply, Bootstrap und Gate-Treiberstufe
11 H-Brücke, PWM und Totzeit Wie entstehen Drehrichtung, Drehmoment und sichere Schaltzustände? vollständige Vollbrücke, PWM, Bremszustände, Shoot-through, Totzeit und Logik
12 Hilfsversorgung und Gesamtsystem Wie wird aus den Einzelblöcken eine funktionierende Elektronik? $V_{\rm DRV}$-Erzeugung, DC/DC-Wandler, LC-Struktur sowie Integration und Gesamtanalyse

Am Ende des Semesters soll die anfangs komplex wirkende Schaltung als Zusammenspiel nachvollziehbarer funktionaler Blöcke verstanden werden.