In einem mobilen Robotersystem soll ein Gleichstrommotor durch einen Mikrocontroller angesteuert werden. Neben der Drehzahl soll auch der Motorstrom erfasst werden.
Der Motor wird mit $U_\mathrm{M}=12\,\mathrm{V}$ versorgt und kann kurzzeitig einen Strom von
$$ I_\mathrm{M,max}=5\,\mathrm{A} $$
aufnehmen.
Der Mikrocontroller kann jedoch nur Spannungen messen.
Eine sehr einfache Möglichkeit zur Strommessung ist ein sogenannter Shunt-Widerstand: Ein kleiner Widerstand wird in Reihe zum Motor geschaltet. Über den Spannungsabfall am Widerstand kann anschließend auf den Strom geschlossen werden.
Für den hier betrachteten Motortreiber soll zunächst
$$ R_\mathrm{S}=10\,\mathrm{m\Omega} $$
angenommen werden.
Damit ergibt sich bei $5\,\mathrm{A}$:
$$ U_\mathrm{S}=R_\mathrm{S}\cdot I_\mathrm{M} =10\,\mathrm{m\Omega}\cdot5\,\mathrm{A} =50\,\mathrm{mV}. $$
50 mV sind allerdings für einen ADC mit einem Messbereich von beispielsweise 0 … 3,3 V ein sehr kleines Signal.
Warum verwenden wir also nicht einfach einen größeren Widerstand?
Bei $R_\mathrm{S}=1\,\Omega$ wären schließlich
$$ U_\mathrm{S}=5\,\mathrm{V} $$
messbar.
Das Problem zeigt sich bei der Leistung:
$$ P_\mathrm{S}=R_\mathrm{S}\cdot I_\mathrm{M}^2. $$
Für $R_\mathrm{S}=1\,\Omega$ ergibt sich
$$ P_\mathrm{S}=25\,\mathrm{W}. $$
Der Messwiderstand würde damit einen erheblichen Teil der elektrischen Leistung aufnehmen und gleichzeitig die Spannung am Motor stark reduzieren.
Die Messung verändert das zu messende System.
Ein guter Strommesswiderstand muss klein genug sein, um den Stromkreis nur wenig zu beeinflussen. Dadurch wird aber auch die zu messende Spannung klein.
Dieses Spannungsniveau wird uns im Laufe des Semesters noch mehrfach beschäftigen.
In der folgenden Simulation kann der Wert des Shunt-Widerstands verändert werden.
Untersuchen Sie insbesondere
und beobachten Sie
circuit.js-Simulation einsetzen
Nach diesem 90-minütigen Block können Sie
Aus EEE1 und EEE2 werden folgende Grundlagen vorausgesetzt:
Zur Vorbereitung:
$$ U=R\cdot I $$
und
$$ P=U\cdot I=R\cdot I^2=\frac{U^2}{R}. $$
um einen passenden realen Widerstand auszuwählen?
Aus EEE1/EEE2 ist der ideale Widerstand bekannt:
$$ U=R\cdot I. $$
In der elektronischen Schaltungstechnik reicht diese Beschreibung häufig nicht mehr aus.
Ein reales Bauteil besitzt weitere Eigenschaften:
Ideales Modell
$R$
$\Downarrow$
Reales Bauteil
$\Downarrow$
Anwendung
z.B. Strommessung im Motortreiber
Die zentrale Frage dieses Blocks lautet deshalb:
Wann reicht das ideale Bauteilmodell aus — und wann entscheidet das reale Bauteil über die Funktion der Schaltung?
Für einen idealen ohmschen Widerstand gilt
$$ R=\frac{U}{I}. $$
Der Widerstand wandelt elektrische Energie in Wärme um.
Die aufgenommene Leistung beträgt
$$ P=U\cdot I. $$
Mit dem Ohmschen Gesetz ergeben sich außerdem
$$ P=R\cdot I^2 $$
und
$$ P=\frac{U^2}{R}. $$
Durch einen Widerstand von $R=100\,\Omega$ fließt ein Strom von $I=100\,\mathrm{mA}$.
Damit ergibt sich
$$ P=R\cdot I^2 =100\,\Omega\cdot(0{,}1\,\mathrm{A})^2 =1\,\mathrm{W}. $$
Ein kleiner bedrahteter Widerstand mit einer zulässigen Verlustleistung von beispielsweise $0{,}25\,\mathrm{W}$ wäre an dieser Stelle ungeeignet.
Die korrekte Berechnung des Widerstandswerts bedeutet noch nicht, dass ein beliebiger Widerstand dieses Werts verwendet werden kann.
Bei der Auswahl eines realen Widerstands müssen mehrere Kenngrößen berücksichtigt werden.
Ein Widerstand mit
$$ R_\mathrm{N}=1{,}00\,\mathrm{k\Omega} $$
und einer Toleranz von $\pm1\,\%$ kann beispielsweise einen tatsächlichen Widerstand zwischen
$$ 990\,\Omega $$
und
$$ 1010\,\Omega $$
besitzen.
Die Toleranz beschreibt zunächst nur die mögliche Abweichung vom Nennwert bei spezifizierten Umgebungsbedingungen.
Die elektrische Verlustleistung wird im Widerstand überwiegend in Wärme umgesetzt.
Ein Widerstand darf deshalb nicht nur nach seinem Widerstandswert ausgewählt werden.
Typische Leistungsklassen sind beispielsweise
Die zulässige Leistung hängt zusätzlich von der Umgebungstemperatur und der Möglichkeit zur Wärmeabgabe ab.
In Datenblättern wird dies häufig durch eine sogenannte Derating Curve beschrieben.
Der Widerstandswert eines realen Widerstands ist temperaturabhängig.
Für einen kleinen Temperaturbereich kann näherungsweise geschrieben werden:
$$ R(T)=R(T_0)\cdot\left(1+\alpha\cdot(T-T_0)\right). $$
Dabei ist
Der Temperaturkoeffizient wird häufig in
$$ \mathrm{ppm/K} $$
angegeben.
Ein Temperaturkoeffizient von
$$ 50\,\mathrm{ppm/K} $$
entspricht
$$ 50\cdot10^{-6}\,\mathrm{/K}. $$
Ein Shunt besitzt bei $25\,^\circ\mathrm{C}$
$$ R_\mathrm{S}=10\,\mathrm{m\Omega} $$
und
$$ \alpha=50\,\mathrm{ppm/K}. $$
Er erwärmt sich auf $75\,^\circ\mathrm{C}$.
Damit gilt näherungsweise:
$$ \Delta T=50\,\mathrm{K} $$
und
$$ \frac{\Delta R}{R} =\alpha\cdot\Delta T =50\cdot10^{-6}\cdot50 =0{,}0025. $$
Der Widerstandswert verändert sich also um etwa
$$ 0{,}25\,\%. $$
Bei einer Strommessung erscheint diese Änderung direkt als Messfehler.
Ein Shunt ist ein niederohmiger Widerstand, der zur Strommessung verwendet wird.
Der zu messende Strom fließt durch den Shunt.
Die entstehende Spannung
$$ U_\mathrm{S}=R_\mathrm{S}\cdot I $$
wird gemessen und daraus der Strom bestimmt:
$$ I=\frac{U_\mathrm{S}}{R_\mathrm{S}}. $$
Für einen großen Shunt-Widerstand gilt:
Für einen kleinen Shunt-Widerstand gilt:
| $R_\mathrm{S}$ | $U_\mathrm{S}$ bei 5 A | $P_\mathrm{S}$ bei 5 A |
|---|---|---|
| $1\,\mathrm{m\Omega}$ | $5\,\mathrm{mV}$ | $25\,\mathrm{mW}$ |
| $10\,\mathrm{m\Omega}$ | $50\,\mathrm{mV}$ | $250\,\mathrm{mW}$ |
| $100\,\mathrm{m\Omega}$ | $500\,\mathrm{mV}$ | $2{,}5\,\mathrm{W}$ |
| $1\,\Omega$ | $5\,\mathrm{V}$ | $25\,\mathrm{W}$ |
Ein Shunt ist ein Kompromiss.
Ein möglichst großer Widerstand verbessert zunächst das elektrische Messsignal.
Ein möglichst kleiner Widerstand beeinflusst dagegen das zu messende System weniger.
Ein kleiner Widerstandswert bedeutet nicht automatisch eine kleine Bauform.
Ein Shunt muss unter Umständen mehrere Ampere dauerhaft führen. Entscheidend sind deshalb insbesondere
Ein Shunt kann deshalb trotz eines Widerstandswerts von nur wenigen Milliohm deutlich größer sein als ein Widerstand im Kiloohm-Bereich.
Bei Widerständen im Bereich weniger Milliohm können Widerstände von
nicht mehr selbstverständlich vernachlässigt werden.
Der Shunt besitzt
$$ R_\mathrm{S}=10\,\mathrm{m\Omega}. $$
Zwischen dem eigentlichen Widerstandselement und den Messpunkten befinden sich zusammen zusätzliche Kontakt- und Leiterbahnwiderstände von
$$ R_\mathrm{K}=4\,\mathrm{m\Omega}. $$
Bei einer einfachen Zweileitermessung würde damit effektiv
$$ R_\mathrm{mess}=R_\mathrm{S}+R_\mathrm{K} $$
gemessen.
Also:
$$ R_\mathrm{mess}=14\,\mathrm{m\Omega}. $$
Würde man weiterhin mit $10\,\mathrm{m\Omega}$ rechnen, entstünde ein erheblicher Messfehler.
In der Simulation sind die Leitungswiderstände bewusst stark übertrieben dargestellt.
circuit.js-Simulation „Zweileiter/Kelvin“ einsetzen
Bei einer Vierleitermessung werden Strompfad und Messpfad voneinander getrennt.
Zwei Anschlüsse führen den Laststrom durch den Widerstand.
Zwei weitere Anschlüsse messen die Spannung möglichst direkt am eigentlichen Widerstandselement.
Da der Eingang der später verwendeten Messschaltung sehr hochohmig sein soll, fließt über die Sense-Leitungen nur ein sehr kleiner Strom.
Damit erzeugen deren Leitungswiderstände nur einen sehr kleinen zusätzlichen Spannungsabfall.
Bei kleinen Widerstandswerten wird nicht nur die Größe des Bauteils wichtig, sondern auch die Frage:
Wo genau wird die Spannung gemessen?
Auch ein ideal erscheinender Widerstand erzeugt aufgrund der thermischen Bewegung der Ladungsträger eine kleine Rauschspannung.
Für die Effektivspannung des thermischen Widerstandsrauschens gilt:
$$ u_\mathrm{n}=\sqrt{4 k_\mathrm{B} T R \Delta f}. $$
Dabei sind
Wichtig ist zunächst nur die qualitative Aussage:
Ein niederohmiger Shunt besitzt deshalb selbst zunächst nur eine kleine thermische Rauschspannung.
Das eigentliche Problem liegt an anderer Stelle:
Die Nutzspannung am Shunt ist ebenfalls sehr klein.
Bei unserem Motortreiber entstehen bei $5\,\mathrm{A}$ nur
$$ U_\mathrm{S}=50\,\mathrm{mV}. $$
Bei kleinen Motorströmen sind es entsprechend nur wenige Millivolt.
Diese Spannung muss später verstärkt werden.
Damit werden unter anderem
relevant.
Diese Probleme werden in späteren Blöcken wieder aufgegriffen.
Unser Semesterbeispiel besitzt nun erstmals einen konkreten Strommesswiderstand:
Motortreiber — Stand nach Block 1
$3{,}3\,\mathrm{V}$ Mikrocontroller
$\Downarrow$
?
$\Downarrow$
MOSFET-Vollbrücke
$\Downarrow$
12-V-Gleichstrommotor
$\Downarrow$
$R_\mathrm{S}=10\,\mathrm{m\Omega}$ Shunt
$\Downarrow$
?
$\Downarrow$
ADC des Mikrocontrollers
Wir können den Motorstrom jetzt grundsätzlich in eine Spannung wandeln.
Allerdings bleiben mehrere Probleme offen:
Diese offenen Punkte werden im Laufe des Semesters schrittweise gelöst.
Nicht für eine Strommessung. Bei mehreren Ampere entsteht eine messbare Spannung und eine relevante Verlustleistung.
Das Messsignal wird größer, aber gleichzeitig steigen Spannungsabfall und Verlustleistung.
Auch Pulsbelastbarkeit und maximale Temperatur sind begrenzt und müssen dem Datenblatt entnommen werden.
Toleranz, Temperatur und weitere Einflüsse verändern den realen Wert.
Bei Widerständen von wenigen Milliohm können Leiterbahn- und Kontaktwiderstände die gleiche Größenordnung erreichen.
Bei präziser Messung wird häufig eine Kelvin- bzw. Vierleiterkontaktierung verwendet.
Die Baugröße wird vor allem durch Stromtragfähigkeit, Verlustleistung, thermische Eigenschaften und Kontaktierung bestimmt.
Ein Gleichstrommotor wird mit $12\,\mathrm{V}$ betrieben. Der maximale Motorstrom beträgt $I_\mathrm{max}=4\,\mathrm{A}$.
Zur Auswahl stehen folgende Widerstände:
| Bauteil | Widerstand | Nennleistung |
|---|---|---|
| A | $1\,\mathrm{m\Omega}$ | $0{,}25\,\mathrm{W}$ |
| B | $10\,\mathrm{m\Omega}$ | $0{,}5\,\mathrm{W}$ |
| C | $50\,\mathrm{m\Omega}$ | $1\,\mathrm{W}$ |
| D | $100\,\mathrm{m\Omega}$ | $5\,\mathrm{W}$ |
Ein Strom von $3\,\mathrm{A}$ fließt durch einen Shunt mit
$$ R_\mathrm{S}=10\,\mathrm{m\Omega}. $$
Durch Leiterbahnen und Anschlüsse befinden sich im Messpfad zusätzlich zweimal
$$ R_\mathrm{K}=1{,}5\,\mathrm{m\Omega}. $$
$R_\mathrm{S}=10\,\mathrm{m\Omega}$ angenommen wird?
Ein Shunt besitzt
$$ R_\mathrm{S}=20\,\mathrm{m\Omega} $$
bei $25\,^\circ\mathrm{C}$ und einen Temperaturkoeffizienten von
$$ \alpha=75\,\mathrm{ppm/K}. $$
Im Betrieb erwärmt er sich auf $100\,^\circ\mathrm{C}$.
falls die Auswertung weiterhin mit $20\,\mathrm{m\Omega}$ rechnet.
circuit.js-Aufgabe einsetzen
Variieren Sie den Shunt zwischen
$$ 1\,\mathrm{m\Omega}\le R_\mathrm{S}\le1\,\Omega. $$
Erstellen Sie eine Tabelle für mindestens fünf Werte mit
Beantworten Sie anschließend:
Für den Motortreiber wird
$$ R_\mathrm{S}=10\,\mathrm{m\Omega} $$
gewählt.
Der relevante Motorstrom liegt zwischen
$$ 0\,\mathrm{A} $$
und
$$ 5\,\mathrm{A}. $$
um den Messbereich besser auszunutzen?
Die letzte Aufgabe führt zu einem Problem, das wir später lösen werden:
Wie können wenige Millivolt zuverlässig gemessen und verstärkt werden?
Ausblick auf Block 2:
Im Motortreiber ändern sich die Ströme sehr schnell.
Warum reicht dann ein großes Netzteil alleine nicht aus?
Und warum befinden sich direkt neben elektronischen Bauteilen häufig mehrere unterschiedliche Kondensatoren?
→ Block 2: Der reale Kondensator