Table of Contents

Block 03 — Der reale Kondensator

3.0 Einführung

Aus den bisherigen Lehrveranstaltungen ist der Kondensator zunächst als ideales Bauteil bekannt:

$Q=C\cdot U$

und im Frequenzbereich

$Z_C={1\over{\rm j}\omega C}$.

Nach diesem Modell wird der Betrag der Impedanz mit steigender Frequenz immer kleiner.

Ein idealer Kondensator müsste bei sehr hohen Frequenzen also nahezu wie ein Kurzschluss wirken.

Reale Kondensatoren tun das jedoch nicht.

In der Leit-Schaltung befinden sich Kondensatoren an verschiedenen Stellen:

Dabei kann ein Kondensator mit demselben aufgedruckten Kapazitätswert je nach Bauart, Spannung und Frequenz sehr unterschiedlich wirken.

Die zentrale Frage dieses Blocks lautet daher:

Wann ist ein Kondensator tatsächlich noch ein Kondensator?

3.0.1 Lernziele

Nach diesem 90-minütigen Block können Sie

3.0.2 Vorbereitung zu Hause

Wiederholen Sie:

Überlegen Sie:

3.0.3 90-Minuten-Plan

  1. Einstieg (10 min): idealer Kondensator und gemessener Impedanzverlauf eines realen Kondensators.
  2. Bauarten (15 min): Keramik, Folie, Aluminium-Elektrolyt; typische Einsatzgebiete.
  3. Ersatzschaltbild (20 min): idealer Kondensator, ESR, ESL und Leckstrom.
  4. Impedanz über der Frequenz (20 min): Eigenresonanz, kapazitiver und induktiver Bereich.
  5. Kapazität ist nicht konstant (15 min): Toleranz, Temperatur, DC-Bias und Alterung.
  6. Praktische Auswahl (5–7 min): Abblockkondensator in der Leit-Schaltung.
  7. Abschluss (3–5 min): Übergang zum gezielten RC-Filterentwurf.

3.0.4 Konzeptübersicht

  1. Der Kapazitätswert $C$ allein beschreibt einen realen Kondensator nicht vollständig.
  2. Reale Kondensatoren besitzen unter anderem ESR, ESL und Leckstrom.
  3. Dadurch besitzt die Impedanz ein Minimum bei der Eigenresonanzfrequenz.
  4. Unterhalb der Eigenresonanz dominiert das kapazitive Verhalten.
  5. Oberhalb der Eigenresonanz dominiert die parasitäre Induktivität.
  6. Bei keramischen Kondensatoren kann die wirksame Kapazität durch eine angelegte Gleichspannung deutlich sinken.
  7. Bauart und Baugröße bestimmen, für welche Aufgabe ein Kondensator geeignet ist.

3.1 Kerninhalt

3.1.1 Vom idealen zum realen Kondensator

Kurze Wiederholung des idealen Modells.

Falstad oder Bode-Darstellung:

Danach Konfrontation mit einem realen Impedanzdiagramm:

Leitfrage:

Warum wird die Impedanz eines Kondensators bei hohen Frequenzen wieder größer?

3.1.2 Bauarten von Kondensatoren

Keramikkondensatoren

Folienkondensatoren

Elektrolytkondensatoren

3.1.3 Das Ersatzschaltbild des realen Kondensators

Ein einfaches Ersatzschaltbild enthält:

[draw.io: Ersatzschaltbild eines realen Kondensators]

Bedeutung:

ESR

Der Equivalent Series Resistance verursacht Verlustleistung.

Bei einem Wechsel- bzw. Ripple-Strom gilt näherungsweise:

$P_{\rm ESR}=I_{\rm RMS}^2R_{\rm ESR}$.

Damit kann ein Kondensator thermisch belastet werden, obwohl die mittlere Gleichstromaufnahme idealerweise null ist.

ESL

Jeder reale Strompfad besitzt eine Induktivität.

Bei hohen Frequenzen wächst der induktive Blindwiderstand:

$|Z_L|=\omega L$.

Damit wird bei ausreichend hoher Frequenz schließlich die parasitäre Induktivität wichtiger als die Kapazität.

3.1.4 Eigenresonanzfrequenz

Im vereinfachten Serienmodell aus $C$, ESR und ESL gilt:

Für die Resonanzfrequenz gilt näherungsweise:

$f_{\rm SRF}={1\over2\pi\sqrt{L_{\rm ESL}C}}$.

Bei $f=f_{\rm SRF}$ erreicht die Impedanz näherungsweise ihr Minimum und wird wesentlich durch den ESR bestimmt.

[Grafik: |Z| über f mit kapazitivem Bereich, SRF, induktivem Bereich]

Ein realer Kondensator wirkt nur unterhalb seiner Eigenresonanzfrequenz überwiegend kapazitiv.

Oberhalb der Eigenresonanzfrequenz verhält er sich zunehmend wie eine Induktivität.

Praktische Falstad-Untersuchung

Modellieren Sie einen Kondensator aus

Variieren Sie die Frequenz über mehrere Dekaden.

Beobachten Sie:

3.1.5 Kapazität ist nicht immer der aufgedruckte Wert

Toleranz

Der Nennwert besitzt wie beim Widerstand eine Toleranz.

Temperatur

Die Änderung hängt stark von der verwendeten Kondensatortechnologie ab.

DC-Bias

Insbesondere bei keramischen Kondensatoren der Klasse II kann die wirksame Kapazität mit steigender Gleichspannung deutlich abnehmen.

Beispiel:

Ein Bauteil ist mit $10~\mathrm{\mu F}$ und $25~\mathrm{V}$ beschriftet.

Bei einer angelegten Gleichspannung von $20~\mathrm{V}$ können tatsächlich deutlich weniger als $10~\mathrm{\mu F}$ wirksam sein.

Nennkapazität und wirksame Kapazität sind nicht zwangsläufig identisch.

Für die reale Auswahl müssen Spannung, Temperatur und Frequenz berücksichtigt werden.

3.1.6 Abblocken und Puffern

In einer Versorgung treten sowohl

auf.

Ein einzelner Kondensator kann nicht in allen Frequenzbereichen gleich gut wirken.

Daher werden häufig unterschiedliche Kondensatoren kombiniert:

[Leit-Schaltung: Versorgungskondensatoren hervorheben]

Wichtig:

Nicht nur der Kondensator selbst, sondern auch seine Verbindung zur Schaltung besitzt parasitäre Induktivität.

Ein guter Abblockkondensator muss daher nah am zu versorgenden Bauteil platziert werden.

3.1.7 Datenblatt eines realen Kondensators lesen

Konkretes Datenblattbeispiel eines MLCC, z.B. $10~\mathrm{\mu F}$.

Zu untersuchen:

Praktische Frage:

Ist ein mit $10~\mathrm{\mu F}$ beschrifteter Kondensator bei der vorgesehenen Betriebsspannung tatsächlich noch ein $10~\mathrm{\mu F}$-Kondensator?

3.2 Häufige Fehler

3.3 Übungen

Aufgabenideen:

1. Idealer Kondensator:

2. Reales Ersatzschaltbild:

3. ESR:

4. Datenblattaufgabe:

5. Praktische Falstad-Aufgabe:

6. Leit-Schaltung:

3.4 Zusammenfassung

3.5 Ausblick

Widerstand und Kondensator sind nun als reale Bauteile bekannt.

Im nächsten Block werden beide gezielt miteinander kombiniert.

Die Frage lautet dann nicht mehr:

„Wie verhält sich dieses Bauteil?“

sondern:

„Wie dimensionieren wir eine Schaltung so, dass bestimmte Frequenzen übertragen und andere abgeschwächt werden?“

Damit folgt der Übergang zum passiven Filterentwurf.