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Block 04 — Passive Filter und Filterentwurf

4.0 Einführung

In Block 02 wurde das Bode-Diagramm als Werkzeug zur Beschreibung frequenzabhängiger Schaltungen eingeführt.

In Block 03 wurde deutlich, dass Kondensatoren frequenzabhängige Impedanzen besitzen und reale Kondensatoren zusätzliche Grenzen aufweisen.

Nun werden beide Ideen zusammengeführt.

In der Leit-Schaltung soll das Shunt-Signal ausgewertet werden. Gleichzeitig entstehen durch die PWM bei etwa $30~\mathrm{kHz}$ schnelle Signalanteile, die für die eigentliche Strommessung möglicherweise unerwünscht sind.

Ein möglicher Ansatz ist ein RC-Tiefpass.

Damit entsteht erstmals eine echte Entwurfsfrage:

Wie müssen $R$ und $C$ gewählt werden, damit gewünschte Frequenzen weitgehend erhalten bleiben und unerwünschte Frequenzen ausreichend gedämpft werden?

4.0.1 Lernziele

Nach diesem 90-minütigen Block können Sie

4.0.2 Vorbereitung zu Hause

Wiederholen Sie aus Block 02:

Wiederholen Sie aus Block 03:

$Z_C={1\over{\rm j}\omega C}$

und qualitativ:

4.0.3 90-Minuten-Plan

  1. Einstieg (10 min): Shunt-Signal mit PWM-Anteilen; was soll ein Filter leisten?
  2. RC-Tiefpass verstehen (20 min): Grenzfälle und Falstad.
  3. Grenzfrequenz und Bode-Diagramm (20 min): $f_c$, $-3~\mathrm{dB}$, Phase und Steigung.
  4. Filter dimensionieren (20 min): vom Anforderungsprofil zu $R$ und $C$.
  5. Belasteter Filter (10 min): Einfluss der nachfolgenden Schaltung.
  6. Praktische Entwurfsübung (7 min): Filter für die Leit-Schaltung simulieren.
  7. Abschluss (3 min): Übergang zu OPV und aktiven Filtern.

4.0.4 Konzeptübersicht

  1. Passive Filter nutzen frequenzabhängige Impedanzen, um Frequenzanteile unterschiedlich stark zu übertragen.
  2. Beim RC-Tiefpass werden niedrige Frequenzen weitgehend übertragen und hohe Frequenzen gedämpft.
  3. Beim RC-Hochpass gilt das umgekehrte Verhalten.
  4. Die Grenzfrequenz eines RC-Filters erster Ordnung wird durch das Produkt $RC$ bestimmt.
  5. Bei der Grenzfrequenz beträgt der Amplitudenfaktor $1/\sqrt{2}$ bzw. ungefähr $-3~\mathrm{dB}$.
  6. Ein Filter erster Ordnung besitzt außerhalb des Übergangsbereichs eine asymptotische Steigung von $20~\mathrm{dB/dec}$.
  7. Ein real angeschlossener Verbraucher kann die Dimensionierung eines passiven Filters verändern.

4.1 Kerninhalt

4.1.1 Was soll ein Filter tun?

Ein reales Messsignal besteht häufig aus mehreren Frequenzanteilen.

Beispiel Leit-Schaltung:

Ein Filter soll nicht einfach „das Signal glätten“.

Stattdessen muss festgelegt werden:

Ein Filter wird nicht ausgehend von $R$ und $C$ dimensioniert.

Am Anfang steht eine Anforderung an den Frequenzgang.

4.1.2 Der RC-Tiefpass

[Schaltung: R in Reihe, C nach GND, Ausgang über C]

[Falstad-Simulation RC-Tiefpass mit veränderbarer Frequenz]

Betrachtung für niedrige Frequenzen

Für $f\rightarrow0$ wird $|Z_C|$ sehr groß.

Der Kondensator wirkt näherungsweise wie eine Unterbrechung.

Damit gilt näherungsweise:

$U_{\rm O}\approx U_{\rm I}$.

Betrachtung für hohe Frequenzen

Für $f\rightarrow\infty$ wird $|Z_C|$ klein.

Der Kondensator leitet das Ausgangssignal zunehmend gegen Masse ab.

Damit gilt:

$U_{\rm O}\rightarrow0$.

Aus diesen beiden Grenzfällen lässt sich bereits das qualitative Bode-Diagramm vorhersagen:

4.1.3 Übertragungsfunktion des RC-Tiefpasses

Mit

$Z_C={1\over{\rm j}\omega C}$

und dem Spannungsteiler ergibt sich:

$\underline A(\omega) =z_c_over_r_z_c$

und daraus

$\boxed{\underline A(\omega)={1\over1+{\rm j}\omega RC}}$.

Der Betrag lautet:

$|A(\omega)|={1\over\sqrt{1+(\omega RC)^2}}$.

Die Phase ist:

$\varphi(\omega)=-\arctan(\omega RC)$.

Grenzfrequenz

Die Grenzfrequenz liegt dort, wo

$|Z_C|=R$.

Daraus folgt:

$\boxed{f_c={1\over2\pi RC}}$.

An dieser Stelle gilt:

$|A(f_c)|={1\over\sqrt2}\approx0.707$

bzw.

$A_{\rm dB}(f_c)\approx-3~\mathrm{dB}$.

Die Phase beträgt

$\varphi(f_c)=-45^\circ$.

4.1.4 Das Bode-Diagramm des Tiefpasses

[draw.io: exaktes und asymptotisches Bode-Diagramm]

Der Amplitudengang kann näherungsweise durch zwei Geraden beschrieben werden:

Die beiden asymptotischen Geraden schneiden sich bei $f_c$.

Der tatsächliche Frequenzgang liegt dort jedoch bei $-3~\mathrm{dB}$.

Die asymptotische Bode-Darstellung ist eine Näherung.

Sie eignet sich sehr gut zum schnellen Abschätzen, ersetzt aber nicht den exakten Frequenzgang im Übergangsbereich.

Praktische Falstad-Untersuchung

Für einen RC-Tiefpass mit bekannten $R$ und $C$:

  1. Berechnen Sie $f_c$.
  2. Suchen Sie diesen Punkt im Bode-Diagramm.
  3. Lesen Sie Amplitude und Phase ab.
  4. Prüfen Sie die Steigung eine Dekade oberhalb der Grenzfrequenz.
  5. Verdoppeln Sie $R$.
  6. Beobachten Sie die Verschiebung des Frequenzgangs.

4.1.5 Der RC-Hochpass

[Schaltung: C in Reihe, R nach GND, Ausgang über R]

Auch hier können zunächst die Grenzfälle betrachtet werden.

Für niedrige Frequenzen

$|Z_C|$ ist groß.

Das Eingangssignal wird kaum zum Ausgang übertragen.

$U_{\rm O}\rightarrow0$.

Für hohe Frequenzen

$|Z_C|$ wird klein.

Der Kondensator wirkt näherungsweise wie eine Verbindung.

$U_{\rm O}\approx U_{\rm I}$.

Damit überträgt der Hochpass hohe Frequenzen und dämpft niedrige Frequenzen.

Die Grenzfrequenz lautet auch hier:

$f_c={1\over2\pi RC}$.

[Kurze Vergleichstabelle Tiefpass/Hochpass]

Eigenschaft Tiefpass Hochpass
niedrige Frequenzen werden übertragen werden gedämpft
hohe Frequenzen werden gedämpft werden übertragen
Steigung im Sperrbereich $-20~\mathrm{dB/dec}$ $+20~\mathrm{dB/dec}$
Betrag bei $f_c$ $-3~\mathrm{dB}$ $-3~\mathrm{dB}$

4.1.6 Vom Frequenzgang zur Dimensionierung

Nun wird die Blickrichtung umgedreht.

Bisher wurde gefragt:

Welchen Frequenzgang erzeugen gegebene Werte $R$ und $C$?

Beim Entwurf lautet die Frage:

Welche Werte $R$ und $C$ benötigen wir für einen gewünschten Frequenzgang?

Aus

$f_c={1\over2\pi RC}$

folgt beispielsweise:

$C={1\over2\pi Rf_c}$.

Es existieren unendlich viele Kombinationen von $R$ und $C$, die dieselbe Grenzfrequenz erzeugen.

Die Wahl ist daher zusätzlich von praktischen Randbedingungen abhängig:

Beispiel

Gesucht ist ein Tiefpass mit

$f_c=10~\mathrm{kHz}$.

Es wird zunächst $R=1~\mathrm{k\Omega}$ gewählt.

Damit ergibt sich:

$C={1\over2\pi\cdot1~\mathrm{k\Omega}\cdot10~\mathrm{kHz}} \approx15.9~\mathrm{nF}$.

Ein verfügbarer Standardwert könnte beispielsweise $C=15~\mathrm{nF}$ oder $16~\mathrm{nF}$ sein.

Anschließend muss die tatsächlich resultierende Grenzfrequenz erneut bestimmt werden.

4.1.7 Filter für die Strommessung der Leit-Schaltung

In der Leit-Schaltung liegt ein PWM-Anteil bei ungefähr

$f_{\rm PWM}=30~\mathrm{kHz}$

vor.

Nehmen wir als ersten Entwurf:

$R=1~\mathrm{k\Omega}$

und

$C=10~\mathrm{nF}$.

Dann liegt die Grenzfrequenz bei ungefähr

$f_c={1\over2\pi\cdot1~\mathrm{k\Omega}\cdot10~\mathrm{nF}} \approx15.9~\mathrm{kHz}$.

Die PWM-Frequenz liegt damit nur knapp eine Oktave oberhalb der Grenzfrequenz.

Frage:

Wie stark wird ein Signal bei $30~\mathrm{kHz}$ tatsächlich gedämpft?

Bestimmen Sie den Wert zunächst aus dem Bode-Diagramm bzw. der Falstad-Simulation.

Diese Betrachtung zeigt einen wichtigen Punkt:

Eine Grenzfrequenz unterhalb der Störfrequenz bedeutet nicht automatisch, dass die Störung stark unterdrückt wird.

Ein Filter erster Ordnung besitzt nur eine Flankensteilheit von $-20~\mathrm{dB/dec}$.

4.1.8 Der belastete passive Filter

Bisher wurde angenommen, dass der Ausgang des Filters nicht belastet wird.

Reale Schaltungen besitzen jedoch eine endliche Eingangsimpedanz.

Wird am Ausgang des Tiefpasses ein Lastwiderstand $R_L$ angeschlossen, liegt dieser parallel zum Kondensator.

Damit verändert sich

[Falstad: unbelasteter und belasteter Tiefpass]

Praktische Untersuchung:

Ein passiver Filter kann nicht unabhängig von Quelle und Last betrachtet werden.

Die nachfolgende Schaltung ist Teil des Filters.

4.1.9 Grenzen eines passiven Filters erster Ordnung

Der passive RC-Tiefpass ist

Er besitzt aber auch Grenzen:

Wenn stärkere Filterung oder eine definierte Verstärkung erforderlich ist, können aktive Filter verwendet werden.

Damit ist die Brücke zum nächsten Block vorbereitet.

4.2 Häufige Fehler

4.3 Übungen

Aufgabenideen:

1. Tiefpass verstehen:

2. Grenzfrequenz:

3. Dimensionierung:

4. Dämpfung bei der PWM-Frequenz:

5. Filtervarianten vergleichen:

6. Belasteter Tiefpass:

7. Entwurfsaufgabe Leit-Schaltung:

4.4 Zusammenfassung

4.5 Ausblick

Für die Strommessung reicht ein passiver Filter nicht immer aus.

Das Shunt-Signal ist klein und muss zusätzlich verstärkt werden. Gleichzeitig soll die nachfolgende Schaltung den passiven Filter möglichst wenig belasten.

Im nächsten Block wird deshalb der Operationsverstärker als reales Bauteil wieder aufgegriffen.

Dabei werden insbesondere

betrachtet.